Und zurück bleibt dir die Erinnerung.

22:00 Esra Inceöz 0 Comments


Ich höre grade ein ganz altes Lied (wenn du auf Youtube "Schau mir in die Augen sag mir bitte es ist nicht wahr" eingibst, kommt es sofort. Es ist ein ganz unbekanntes Lied aber schon sehr alt, welches ich damals immer gehört habe). Es bringt mich grade zurück in die Zeit, in der einfach noch alles gut war.

Heute bin ich wirklich traurig. Wisst ihr, in meinem vorangegangenem Post habe ich ja schonmal geschrieben, dass ich ein Scheidungskind bin. Bereits im Kindesalter wurden wir (meine Geschwister und ich) hin und hergerissen.

Ich erinnere mich noch genau an unser Haus aus meiner Kindheit. Das werde ich in meinem Leben niemals vergessen. Hier bin ich Esra geworden. Das kleine Mädchen das einst hier anfing zu träumen.

Unser weißes Haus war eines der schönsten bei uns in der Siedlung. Wir hatten weiße große Steine um unser Haus herum als Schönheitsmakel und Bäume, die unser Haus rundum beschmückten. Unser Garten war ein Traum. Viele Blumen und Apfelbäume, die wir Kinder einpflanzten. Und ein aus Steine gebauten Grill, den Papa mühevoll selbst gebaut hatte. Ich erinnere mich, als sei es gestern gewesen.

Ein weißer Zaun der eine gewisse Privatsphäre unterstreichte und vorallem eine Garage, die immer in jeder Jahreszeit offen stand.

Meine Mama öffnete immer das Fenster, wenn sie kochte und der Duft ihrer köstlichen Mahle stieg jedem Nachbar zur Nase.

Das schönste an dem Haus war die Lage. Ein riesen Wendekreis schwarz asphaltiert, genau perfekt für Kinder. Unser Alltag bestand darin, die Straße kunterbunt zu bemalen oder mit unseren Fahrrädern / Inlinern die Straße zu befahren.
Als Kind hörte ich Papas Automotor schon auf der Auffahrt. Endlich. Die ganze Familie war beisammen.
Als Nachbarn gehörten zu uns Familien und eine riesen große Tennisanlage. Hier haben wir den Tennisspielern immer zugeschaut und auch manchmal eine Vorliebe dafür entdeckt. Und wenn jemand einmal seinen Tennisball über den Tenniszaun fallen lassen hat, so sind wir den gleich auffangen gegangen und haben den behalten. Das war immer ein Tag der Freude, vorallem wenn die Bälle noch ganz neu waren.

Meine Nachbarin Alissa übertönte wieder durch den Tag. Sie spielte Klavier und ich hörte es manchmal bis zu meinem Zimmer. Ich hab es geliebt. Klavier.

Doch aus diesem schönen Haus, wurde irgendwann ein Treffpunkt der Traurigkeit. Ein Treffpunkt von Leid, Schmerz und Kummer.

Um uns Kinder zu beruhigen, wurde uns viel geschenkt. Nur damit wir von dem ganzen innerseits nicht viel mitbekommen. Man wollte uns verschonen. Aber ich weiß heute, das Kinder wirklich alles mitkriegen. Sie spüren alles. Ich rede aus Erfahrung.

Aus dem kleinen Mädchen das ihren Vater so liebte wurde an jenem Tag ein Mensch voller Enttäuschung. Der erste Umbruch meines Lebens findet statt. Die Trennung meiner Eltern.

Ich wusste nie mit der Situation umzugehen. Mich haben Bilder geprägt in meiner Kindheit, die ich nicht einmal aussprechen könnte, wenn ich wollte.

Dieser Moment hat mich sehr mitgenommen. Der Boden wurde mir unter den Füßen gerissen. Mein Herz zerstochen. Eine sehr schlechte Erfahrung für ein 9-järhiges Mädchen finde ich. Denn eigentlich sollte ich viel mehr mit Schule beschäftigt sein und stattdessen saß ich im Unterricht und hab an Mama gedacht. Streiten die sich wieder? Schreien die? Ist Mama noch da, wenn ich von der Schule wieder komme?

Mein Vater überließ uns das Haus und kam uns regelmäßig besuchen. Er kaufte für uns ein, damit wir die leere ohne ihn im Haus nicht verspüren. Er war mein Löwen Papa. Ich hab auf ihn hinauf geschaut. Ich verehrte ihn.

Doch die Zeit lehrte mir des besseren. Ich wurde hin- und hergerissen. Lebte bei Mama und musste dann doch zu Papa ziehen und dann wieder zu Mama. Diese Dinge haben mich psychisch sehr belastet. Ich fing an in der Schule schlecht zu sein. Ich hatte keine Freunde, ich wurde in der Schule gemobbt. Ich habe mit niemandem geredet. Abends hab ich mich einfach in den Schlaf geweint. Keiner auf dieser verdammten Welt konnte mich verstehen.
Papa hat mich jeden Tag von der Schule abgeholt und mich direkt nach Hause gefahren. Mein Alltag bestand darin, dass ich nach der Hausaufgabenhilfe die ich Zuhause gemeinsam mit meinen Geschwistern bekam, einfach für Papa kochte. Er kam nach Hause ab 18 Uhr von der Arbeit und dann hatte er natürlich auch Hunger. Ich bin mittlerweile 12-13 und ihr müsst euch vorstellen, die Lage meines Elternhauses ging weiter.

Ich und meine Geschwister lebten zwar in diesem Haus aber wir lebten wirklich auch nur darin. Wir hatten kein Leben an sich. Zuhause schaute ich den ganzen Tag TV vorallem MTV und VIVA. Meine Cousine brannte mir immer CDs die ich mir bis heute noch anhöre. Meine Vorliebe für Musik. Ich konnte Texte schnell merken und fing aufeinmal an selbst zu schreiben.

Das gefiel mir. Texte mit Gefühlen die ich verfasst habe. Ich merkte, ich kann mich viel besser darin ausdrücken. Und plötzlich war mir die gesamte Lage Zuhause scheiß egal. Ich hatte mich gefunden. Das war ich. Musik. Zusammen mit gemeinsamen Freunden unserer Familie traf ich auf Nima, der auf meiner Schule war und mein Kindheitsfreund seit Jahren war. Er Rappte. So beschlossen wir gemeinsam damit anzufangen.

Zuhause ging natürlich das Dilemma weiter. Jetzt bin ich zu Mama gezogen, nach Clausthal-Zellerfeld. Dort lebten wir dann mit meinen Geschwistern. Neuanfang. Neue Schule. Neue Leute. Ich versuchte direkt Freunde zu finden, um nicht gemobbt zu werden wie in der alten Klasse. Da es für mich ein Neuanfang war, hab ich mir mein Selbstbewusstsein aus der Musik geholt. Das bin ich in meiner Vollständigkeit.
Ich wusste wer ich bin. Und plötzlich hatte ich eine Menge von Freunde gewonnen. Keiner konnte sich mit mir streiten, weil ich einfach nie die Gelegenheit für einen Streit zulies.

Hier in diesem Dorf vergingen die Tage kaum. Ich war die einzige türkin auf der Schule gewesen. Natürlich mochte ich es in der Schule zu sein, denn ich hatte hier Freunde gefunden. Aber Privat wollte ich nicht viel mit ihnen machen, denn im Endeffekt waren sie dann doch nicht auf meiner Wellenlänge. Meine einzige beste Freundin war meine Cousine Elif die aber einige Kilometer weiter wohnte. Mir ihr verbrachte ich meine Sommerferien und jedes Wochenende.

In der Woche war ich meistens nach der Schule Zuhause Tv schauen, im Studio aufnehmen mit Nima oder im Internet. Das war mein Lebensablauf. Und natürlich schöne Tage, wie Auftritte auf Konzerten. Das hatte mich Stolz gemacht. Menschen standen vor mir, die meine eigenen Texte mitgesungen haben. Ein unbeschreibliches Gefühl. Da stehen diese Menschen vor dir und hören dich Tag für Tag.

Als ich 15 war hat mein Vater wieder geheiratet. Ich glaube das hat mich auch sehr psychisch belastet. Ich bin nicht auf die Hochzeit gegangen. Ich konnte es noch immer nich wahr haben, dass es keine Hoffnung mehr für unsere Familie gab. Ich war doch Papas Prinzessin...

Mama wollte einfach nur weg von allem. Sie wollte einfach Abstand.Aus dem Grund entscheidete sich nach Berlin zu ziehen. Heute bereut sie es aber ich glaube hier in dieser Stadt Berlin fing mein Schicksal an. Der Grund warum ich heute bin wo ich bin. 

Meine Vorlieben sind Bücher, Texte und Musik. Ich fing an mein Leben so zu gestalten wie es mich glücklich machte. Denn das ganze hin und her meines Elternhauses - auch wenn ich nicht die einzige Person auf der Welt bin, die sowas durch macht - hat mein Kopf zerstört.

Mein Glück bestand darin raus zu gehen und die Welt zu entdecken. Ich hatte aber immer den selben Lebensablauf. Shisha Cafe, Freunde, Home. Das wiederholte sich ständig. Aber ich hab nie aufgehört an zwei Dinge zu glauben in diesem Leben: und das ist einmal meine Religion (Allah sei Dank!!!!) und der Glaube an die Wahre Liebe. 

Worauf ich eigentlich hinaus will ist, meine Schwester heiratet im Oktober. Sie leben bei meinem Vater in der nähe von Hannover. Wir haben so vieles gemeinsam durchgemacht und nun vermisse ich sie sehr. Die Zeit in der wir gemeinsam am Wendekreis die Straße bemalten, scheint wie ein Traum, als sei das nie passiert. Man vermisst sogar den Streit "Wieso hast du mein Oberteil angezogen maaaan". Mir kommt es so vor, als hätten wir zu wenig Zeit gehabt, alles wirklich mal zu genießen.... 

Sobald das Henna an jenem Abend auf ihren Händen haftet, heißt es Abschied nehmen.

Und zurück bleibt mir die Erinnerung.
 

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